Auf der Seidenstraße von Hermès die Gravur | Hermes

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Auf der Seidenstraße von Hermès:die Gravur

Nach dem Tod des Gründers werden die Etablissements Marcel Gandit 2006 von Hermès übernommen. Damit wählt der Fotogravur-Betrieb aus Bourgoin-Jallieu, dem das Carré seine hochpräzisen Motive verdankt, den Weg der Kontinuität. Seit 1948 schaffen die Gandit-Handwerkskünstler Siebdruckrahmen für den Lyoner Seidendruck. Ausgangspunkt ist dabei die Zerlegung der Zeichnung des Künstlers in ihre Einzelteile.

Von den ersten Holzrahmen bis hin zu den neuesten Technologien hat der Betrieb seinen historischen Standort Bourgoin-Jallieu im Norden des Departements Isère nie verlassen.

Die in den Textilbereich von Hermès eingegliederten Handwerker arbeiten seit 2012 neben dem ebenfalls von der Holding Textile Hermès übernommenen Möbelstoffanbieter Créations Métaphores in einem großen modernen Gebäude, in dem auch die Seidentuchfertigung, das Nähen des Rollsaums und die „Visite“ genannte Qualitätskontrolle der Carrés stattfinden.

Hier werden die Arbeitsschritte der Gravur „nach Lyoner Art“ seit mehr als 70 Jahren unverändert ausgeführt. Es handelt sich dabei um eine alte Handwerkskunst, die Hermès 1948 für sich entdeckt hat.

Die Begegnung fand in Paris statt zu einer Zeit, in der die Auftragslage des Handwerkbetriebs aus Bourgoin-Jallieu recht düster aussah. Émile Hermès und sein Schwiegersohn Robert Dumas – der Schöpfer des ersten Seidencarrés von Hermès – suchen nach einem seltenen Juwel: Jemand, der imstande ist, das komplizierte Motiv Costumes des départements de la Seine inférieure, du Calvados et de l’Orne einzugrenzen.

Gandit nimmt die Herausforderung in Zusammenarbeit mit seinen Druckhandwerkern an. Seither hat der Gravurbetrieb bei jedem einzelnen Carré-Design seine Hand im Spiel: rund zwanzig neue Modelle und zehn Neuauflagen jährlich.

Über einen großen Leuchttisch gebeugt, zeichnet die Gravur-Designerin den zurückgelegten Weg eines kleinen schwarz-weißen Hundes nach, der sich im Labyrinth einer Zauberstadt, in der Tiere Könige sind, versteckt hat. Willkommen in Animapolis.

Um dieses Motiv, das der Fantasie des Künstlers Jan Bajtlik entsprungen ist, in ein Carré der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2019 umzuwandeln, hat sich der Touchpen der Designerin sechs Monate lang einen Weg durch das Labyrinth aus Drachen, Einhorn, Leopard und Tukanen erarbeitet und an berühmten Gebäuden und üppigen Pflanzen vorbeigeschlängelt.

Das Ergebnis dieser gründlichen Analyse der Linien und Stimmungen der Zeichnung: eine 39 Farben umfassende Partitur für ein Konzert aus Seide.

Die Position jedes einzelnen Farbtons des späteren Carrés wurde in einer digitalen Datei gespeichert, um den entsprechenden Druckrahmen in Fotogravurtechnik herstellen zu können.
Die vor rund zehn Jahren eingeführte Computertechnik hat zwar die Arbeit erleichtert, den rund dreißig Gravurzeichnerinnen jedoch nichts von ihrer Entscheidungsfreiheit genommen. Nur sie bestimmen die Anzahl der Farben, die in der Lage sind, die ganze Vielfalt einer Komposition zum Ausdruck zu bringen. Rund 25 bis 30 werden dabei durchschnittlich benötigt.
Für die Indianerprinzessin Wa’Ko-Ni von Antoine Tzapoff – ein Carré aus dem Jahr 2012 – wurden jedoch 46 Farbtöne und folglich genauso viele Rahmen für notwendig erachtet. Ein Rekord! Dies erklärt, weshalb die Gravur ein hochpräzises Verfahren ist. Jede der mit Gaze bespannten Rahmenkonstruktionen aus Metall lässt nur eine Farbe durch. Sie müssen daher genau übereinander gelagert werden, um ein Versetzen oder Überlaufen beim Druckvorgang zu verhindern.
Das Kunststück, selbst komplizierteste Motive mit Pauspapier und Holzrahmen peinlich genau zu erfassen, gelang Marcel Gandit auf einzigartige Weise.
Da sich kein Nachfolger aus dem Kreis der Familie finden ließ, bot Jean-Louis Dumas – der damalige Geschäftsführer von Hermès – seinem langjährigen Partner 2006 eine Übernahme durch die Holding Textile Hermès an und versprach ihm dabei, den ursprünglichen Namen beizubehalten. Eine Garantie für Kontinuität und gleichzeitig eine Hommage an den Gründer.
Das Kunststück, selbst komplizierteste Motive mit Pauspapier und Holzrahmen peinlich genau zu erfassen, gelang Marcel Gandit auf einzigartige Weise. Da sich kein Nachfolger aus dem Kreis der Familie finden ließ, bot Jean-Louis Dumas – der damalige Geschäftsführer von Hermès – seinem langjährigen Partner 2006 eine Übernahme durch die Holding Textile Hermès an und versprach ihm dabei, den ursprünglichen Namen beizubehalten. Eine Garantie für Kontinuität und gleichzeitig eine Hommage an den Gründer.
„Wir müssen genau verstehen, was der Künstler mit seiner Zeichnung aussagen wollte, denn wir erzählen seine Geschichte. Wir müssen nachbilden, ohne zu verfälschen.“​
Nathalie Chevanier,
seit 35 Jahren Gravurzeichnerin bei Établissements Marcel Gandit, 2015 mit dem Titel „Meilleure Ouvrière de France“ ausgezeichnet.
 
 
  • Nähen des Rollsaums und „Visite“

    Am Standort Bourgoin-Jallieu werden weitere Fertigungsschritte vorgenommen. Etwa zwanzig Rollsaumnäherinnen nähen den Saum der Carrés mit Seidengarn. Sie beherrschen die Kunst, die tückischen Ecken und das widerspenstige Material zu zähmen.

    Der Rollsaum wird etwas später beim letzten Kontrollvorgang – der sog. „Visite“ – genau auf seine Spannung, Rundheit und Gleichmäßigkeit hin untersucht.

    Das Carré wird wie eine Zeitung geöffnet und geschlossen, mit der Handfläche abgetastet und bis ins kleinste Detail untersucht: Nur makellose Carrés dürfen das Atelier verlassen und ihren Weg in Boutiquen auf der ganzen Welt antreten.

 

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